Hauptsache was Sicheres

Die Digitalisierung stellt unsere Gesellschaft auf den Kopf. Die Art und Weise wie wir Arbeiten ändert sich genauso schnell, wie die Art und Weise wie wir Leben und Konsumieren. Alles ist im Wandel. Etablierte Unternehmen werden durch innovative Startups überholt und selbst Banken überdenken die eigenen Geschäftsmodelle. Das kann Fluch oder Segen sein – vor allem aber führt es zu tiefgreifenden Mentalitätsänderungen. Oder nicht?

Läuft doch

Es ist Samstag und ich sitze entspannt im Kachelhaus, einem schönen Kaffee im Herzen von Bielefeld. Das ist die Stadt, die es angeblich nicht gibt. Würden hier nicht so viele Großunternehmen und Hidden Champions ihren Ursprung haben, könnte das durchaus stimmen. Ich bin hier geboren und stehe zu meiner Heimat – auch, wenn ich mir oft Sprüche über meine Herkunft anhören muss. Vieles davon stimmt ja auch. Wir Ostwestfalen sind mundfaul, bodenständig, spießig aber auch sehr fleißig. Manchmal.

Das hört sich nicht unbedingt nach Party an, hat in der Region Ostwestfalen-Lippe jedoch zu Wohlstand und einer stets hohen Beschäftigungsquote geführt. Bielefeld war lange Zeit das Zentrum der Leinenindustrie. Heute ist die Stadt vor allem ein wichtiger Standort der Lebensmittelindustrie, von Handels- und Dienstleistungsunternehmen und des Maschinenbaus.

Viele technische Innovationen haben hier ihren Ursprung – Geschäftsmodell-Innovationen eher weniger. Die Region ist nicht unbedingt als Startup-Metropole oder Gründer Hotspot bekannt. Ich hoffe ja noch, dass neue  Initiaitven (z.B. die Founders Foundation oder TecUP) das mittelfristig ändern, bin da allerdings nur ansatzweise optimistisch. Der typische Ostwestfale ist nämlich genau das Gegenteil der aufgedrehten, extrovertierten Gründertypen aus… sagen wir mal: Berlin, London, Stockholm oder Barcelona. Das ist überhaupt nicht negativ gemeint, sondern absoluter Mentalitätsdurchschnitt in Deutschland.

Genau hier liegt das Problem.

Wir leben in einem Land von Verbauchern, deren Erwerbstätigkeit liebend gerne im Rahmen einer abhängigen Beschäftigung ausgeübt wird. Der Wunsch nach einer unabhängigien, selbständigen oder gar unternehmerischen Tätigkeit kommt bei den meisten Berufsanfängern überhaupt nicht vor.

Während ich so überlege, bleiben meine Augen an vier jungen Männern am Nebentisch hängen, die meine These direkt bestätigen. Sie unterhalten sich angeregt über ihre Berufsperspektiven. Naja, eigentlich halten sie sich an ihrem Bier fest, schauen oft nach unten und werfen sich ab und zu ein paar Gesprächsfetzen zu. Hier geht das allerdings als angeregtes Gespräch durch. Es interessiert mich, welche Anforderungen die Jungs in Bezug auf ihren ersten Job haben, also höre ich weiter zu.

Alle befinden sich im letzten Studiendrittel und machen sich Gedanken über die Zeit danach. Was soll man nur machen? In der Region bleiben oder doch den Sprung in die Ferne wagen? Berlin und München sollen schließlich auch schön sein. Egal, auf jeden Fall soll es sich finanziell lohnen und flexibel soll der zukünftige Arbeitgeber natürlich auch sein. Unbedingt international ausgerichtet und etabliert. Eine coole Marke wäre nicht schlecht, mit der man sich so richtig identifizieren kann. Auf so ein Beraterding mit siebzig Stunden die Woche hat keiner der vier Bock. McKinsey und Co. werden doch überschätzt. Ständig ist man nur im Flugzeug unterwegs, baut eine Präsentation nach der anderen und nach zwei Jahren ist man eh wieder raus.

Ach komm. Nöö.

Ich warte ab. Irgendwann werden die bestimmt noch auf Startups zusprechen kommen. Das ist doch derzeit total hipp. Meine Hände werden feucht. Ein Startup gründen und in drei, vier Jahren mit einer Traumrendite wieder verkaufen… Herrlich.

Mal ganz im Ernst. Es wäre für die Jungs doch wirklich eine Überlegung wert, was Eigenes zu wagen und die Welt mit ein paar erfrischenden Ideen ein wenig besser zu machen. Na – kommt da was?

Nix. Warum auch? Gerade die 20- bis 30-Jährigen tun sich schwer mit dem Gedanken, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Dabei ist dieser Lebensabschnitt perfekt dafür. Man hat Power und es bestehen tendenziell wenige Abhängigkeiten wie Kinder, eine eigene Immobilie oder sonstige finanzielle Verpflichtungen. Trotzdem hat die »EY Studentenstudie 2016« ergeben, dass etwa ein Drittel der deutschen Studierenden nach ihrem Abschluss als Beamte in den Staatsdienst einsteigen möchten.

Na da fällt einem doch die Kinnlade herunter. Das Stempelkissen ist also attraktiver als die Aussicht auf eine herausfordernde Tätigkeit als Entrepreneur, in der man selbst agieren kann und nicht ständig auf Anweisungen oder sich ändernden Rahmenbedingungen reagieren muss. Sehr interessant. Das Stempelkissen als Synonym ist gar nicht abwertend gemeint, doch es symbolisiert ganz gut das Gegensätzliche zwischen Staat und Unternehmertum. Neben Recht und Ordnung hat der Staat für Beständigkeit und Stabilität zu sorgen. Entrepreneure hingegen durchbrechen Konventionen und sorgen für ein gewolltes Durcheinander.

Interessant. Die sogenannte Generation Y strebt also vehement nach Sicherheit. So wünscht sich die Mehrzahl vor allem einen langfristig und finanziell sicheren Arbeitsplatz mit einer ausgewogenen Balance zwischen Arbeit und Leben. Flache Hierarchien und gute Aufstiegschancen sollten natürlich auch gegeben sein. Es scheint wirklich so, als wäre diese Generation nicht bereit, nennenswerte Risiken einzugehen. Oder sie sieht einfach die Notwendigkeit dafür nicht und verlässt sich lieber auf Andere.

So anscheinend auch die Jungs vom Nachbartisch. Ich höre mal wieder die üblichen Verdächtigen. Trainee bei Siemens sei klasse, da hat man was Sicheres und tolle Aufstiegschancen. Dr. Oetker ist auch super, aber die Aufnahmekriterien sehr streng. Die Deutsche Bahn geht auch noch. Vom Image her ein bisschen langweilig, aber auf jeden Fall groß. Banken und Versicherungen kommen nicht in Frage, die finden alle irgendwie unseriös. Und sicher ist das bei denen ja auch nicht mehr, da müsse man nur auf die Deutsche Bank schauen.

Sicher. Was heißt das eigentlich? 

Wir Deutschen sind Sicherheits-Nerds. Risikoaversität saugen wir schon mit der Muttermilch auf. Wir vertrauen uns selbst zu wenig und verlassen uns stattdessen liebend gerne auf Experten, auf große Organisation oder den Staat. Dabei nehmen wir automatisch eine Opferrolle ein – gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst. Nicht ohne Grund sind Versicherungen, Banken und Großkonzerne in unserer Gesellschaft so erfolgreich. Sie vermitteln Sicherheit.

Aber reicht das wirklich aus, um auch in Zukunft in einer diversifizierten, offenen und zukunftsfähigen Gesellschaft leben zu können? Reicht es auf Dauer aus, unser gesamtes Leben als Verbraucher und Arbeitnehmer zu fungieren? Ober wird es immer wichtiger, selbst aktiv zu werden, Projekte umzusetzen und ab und an in die Rolle des Herstellers zu wechseln? Gerade im Hinblick auf die sich wandelnde Arbeitswelt, die immer flexibler und unbeständiger wird?

Fakt ist, dass noch nie einfacher war, direkten Einfluss auf die eigene Berufs- und Lebensgestaltung zu nehmen. Heute kann quasi jeder aus dem Wohnzimmer heraus eigenständig Produkte über diverse Online-Kanäle in alle Welt verkaufen. Ohne eigene Lagerhaltung, ohne Mitarbeiter und teures Equipment. Mit ein wenig Kreativität ist noch nicht einmal ein hoher Kapitaleinsatz notwendig. Das dafür notwendige Wissen ist kostenfrei erhältlich.

Nie war es einfacher, mit Mut und Leidenschaft eine erfolgreiche Unternehmerin oder ein erfolgreicher Unternehmer zu werden. Jeder kann lokale, nachhaltige Produkte oder Dienstleistungen erstellen. Jeder kann einen direkten Einfluss darauf nehmen, wie er oder sie leben möchte. Die Möglichkeiten sind grenzenlos!

Die Jungs am Nebentisch haben die Wahl. So wie jeder von uns. Mal schauen, was sie daraus machen.

2 Antworten auf „Hauptsache was Sicheres“

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