Papa Business (2) – Erster!

Die Zeit steht still, während wir beide im Gras hocken und uns mitten in einem Meer von gelben Narzissen befinden. Ich hatte dem Großen mehrmals versprochen, dass wir uns die Blumen ganz genau anschauen, sobald sie anfangen zu blühen. Ist wohl Schicksal, dass uns das ausgerechnet morgens um kurz nach Acht auffallen muss. Aber egal, wir genießen den Moment.

Bin Erster – du nicht!

Gerade erkläre ich meinem Nachwuchs, dass man Narzissen auch Osterglocken nennt und diese je nach Art bis zu 80 Zentimenter hoch werden können. Ich bin unglaublich froh, dass er mein iPhone mit der geöffneten Wikipedia-Seite nicht gesehen hat. Und Zack. Plötzlich steht der beste Kita-Kumpel mit seinem Holzlaufrad vor uns. Er streckt die Zunge raus und bemerkt mit einer unglaublich souveränen Haltung: „Ääääätsch. Ich bin Erster. Du nicht!“ Sagt es und gibt wieder Gummi. Ab zur Kita.

Ich schaue nach links. Sein Papa ist noch gefühlte 800 Meter entfernt. Aber Respekt, er besitzt Steherqualitäten. Mit hochrotem Kopf trägt er das kleine Schwesterchen auf den Schultern und versucht mit ehrlicher Anstrengung, den kleinen Laufrad-Rowdy einzuholen. Ich bin nicht sicher, ob Empathie zu meinen ganz großen Stärken gehört, aber in diesem Moment kann ich mich komplett in ihn hineinversetzen. Sofort fangen meine Schweißdrüsen an zu arbeiten. Irgendwie habe ich den Drang, ihn in seiner Verzweifelung zu unterstützen und krame gedanklich schon in meiner Tasche nach einer Flasche Wasser oder einem Energieriegel.

Weiter komme ich mit meinen Gedanken nicht, denn der Große möchte diese unglaubliche Schmach natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Er löst sich unsanft aus meiner Umarmung und rennt los. In seinem Gesicht sehe ich Panik. Nicht „Erster“ unter den Jungs in der Kita zu sein ist auch wirklich schlimm. Das halten sich die kleinen Quälgeister dann mindestens zwei Tage vor. Naja, vorhalten ist eher eine sehr diplomatische Formulierung… Die kleinen Racker entwickeln da gerade einen sehr ausgeprägten Ergeiz.

Der Spiegel steigt und steigt.

Das muss wohl am steigenden Testosteron-Spiegel liegen. Oder an der Entwicklung der Leistungsmotivation, wie es sich Psychologen zu erklären versuchen. Im Grunde genommen ist es völlig egal, was dahinter steht. Fakt ist, dass es zur Entwicklung jedes Kindes gehört und damit wohl alle Eltern mehr oder weniger nerven wird. Da muss man sich nichts vormachen, denn die Situationen sind vielfältig.

Ich kann mich noch gut an das erste Brettspiel erinnern, dass wir mit dem Großen gespielt haben. Als er merkte, dass er verlieren wird, hat er einfach alle Spielsteine vom Tisch gefegt und behauptet, es hätte ein Erdbeben gegeben. Immerhin – statistisch nicht auszuschließen, daher fand ich die Ausrede irgendwie kreativ.

Oder vor ein paar Wochen auf dem Spielplatz, als der Große und sein Kumpel immer wieder als Erster rutschen wollten. Ein Teufelskreis. Der aber beiden Eltern zu einem ruhigen Abend verholfen hat, denn die Freaks waren abends völlig fertig.

Einfach mal laufen lassen.

Mittlerweile stehen wir vor der Kita. Der Große ist unglaublich enttäuscht, er hat es nicht gegen das Laufrad geschafft und ich sehe Tränen in seinen Augen. Aber zumindest hat er es versucht. Ich bin mal wieder stolz. Auch, weil wir den anderen Papa abgehängt haben. Das muss ich zugeben.

Ups. Gibt es da etwa Parallelen? Ich war ja schließlich auch mal ein Mann Junge und kann mich noch gut an meinen eigenen Ergeiz erinnern. Jetzt im Erwachsenenleben nervt mich dieses immer schneller, immer mehr zwar – aber vielleicht gehört das ja zur Natur der Sache? Haben unsere Chefs einfach eine zu ausgeprägte Leistungsmotivation? Hmm. Moment. Kann nicht sein, ich bin ja selber Chef. Es muss eine andere Erklärung her. Ist unsere ausufernde Leistungsgesellschaft eine natürliche Folge unserer Evolution? Mag sein, ich weiß es nicht. Jetzt erst einmal rein und umziehen.

In der Umkleide geht es natürlich darum, wer sich die Schuhe zuerst ausgezogen und die Hausschuhe zuerst angezogen hat. Der Große gewinnt, der Kumpel heult fast, der Papa schwitzt und ich bin zufrieden. Es steht 1:1. Also können wir entspannt runter zum Frühstück. Dachte ich zumindest. Denn bis dahin wird noch schnell herausgefunden, wer am schnellsten die Treppe hinunterkommt und wer als Erster die Tür zum Kinderrestaurant erreicht. Wir Papas sind es nicht.

Schon geht die Tür auf und der Kumpel rennt zum Lieblingsplatz am Fenster. Mein Großer rennt auch los, bleibt dann aber stehen und kommt zurück. Er nimmt mich in den Arm und gibt mir einen langen Abschiedkuss. Dann dreht er sich um und setzt sich auf einen freien Platz. Hatte ich schön erwähnt, wie stolz ich auf diesen Typ bin?

Man sollte Erzeiz besitzen, ohne von ihm besessen zu sein.
(John Huston, Filmregisseur)

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