Papa Business (3) – Pölter-Party in Unterhose

Donnerstag-Abend. Es ist heiß. Die Fenster sind blickdicht abgedunkelt, verschwitzte Körper reiben erregt aneinander und es riecht ein wenig nach Schweiß. Ich hocke auf dem Boden und schließe für einen kurzen Moment die Augen.

Nein. Ich befinde mich nicht in irgendeinem Dark-Room auf St. Pauli. Auch nicht im Swinger-Club oder auf einer vielversprechenden After-Work-Party. Obwohl das in diesem Moment bestimmt angenehmer wäre.

Ich hocke direkt in Achselhöhe vor Liam-Mama und versuche krampfhaft, den Reißverschluss des Kinderkoffers zu lösen. Klappt aber nicht. Mist. Und langsam sollte ich wieder einatmen. Bei 39 Grad Raumtemperatur, 45 Personen im Raum und einem Sauerstoffgehalt von gefühlt Null wäre das dringend angebracht. Also Augen zu und durch.

Es darf gerockt werden

Der Große hat heute sein erstes Schlaffest in der Kita. Er wird groß. Ich muss kurz inne halten und eine kleine Träne verdrücken. Auch, weil Liam-Mama gerade wieder wie wild mit den Armen fuchtelt. Aber eigentlich, weil mir das mit dem Groß-werden in diesem Moment sehr bewusst wird.

Eben hat er noch in meinen Arm gesabbert und jetzt verhandelt er mit seinen Kita-Kumpeln, welcher Dinosaurier auf welcher Seite der Matratze Wache schieben soll. Er ist total aufgeregt und freut sich schon seit Tagen wie Bolle auf die Tanz-Party mit seinen kleinen Freundinnen und Freunden.

Hm. Schon komisch, wie nahe mir das geht. Mich beruhigt nur die Tatsache, dass das mit dem Sabbern spätestens in der Pupertät wieder kommen wird und der Kleine diesen Weg ja auch noch vor sich hat. Also alles gut.

Der Koffer ist mittlerweile auch auf und ich kann meine Aufmerksamkeit wieder auf andere Sachen lenken. Auf die drei Muddis und den Vaddi zum Beispiel, die gleichzeitig eine Erzieherin instruieren. Der Typ auf Englisch, eine Muddi auf Koreanisch, eine auf Französisch und die Dritte auf Schweizer-Deutsch.

Ihr habt meine Hochachtung!

„Meine Emma muss aber auf jeden Fall um 19 Uhr schlafen. Sonst ist sie am nächsten Tag unausstehlich. Sie braucht ihren Schlaf. Das ist gaaanz wichtig!“ „Ja und mein Ben schwitzt so leicht. Haben Sie auch Spezial-Matratzen? Er hat zuhause eine 140x200er. Sonst kann ich gerne noch eine holen. Ich bin in einer Stunde wieder da.“ „Moment mal! Und was ist mit Sophie? Ihr ruft doch sofort an, wenn sie weint, nicht wahr? Also ich lege mich die ersten 160 Minuten immer dazu. Das macht ihr doch auch, oder?“

Was bitte geht denn hier ab? Ich dachte immer, Elternabende sind schlimm –  aber das hier topt alles. Ich höre weiter zu und bin immer beeindruckter. Nicht von den dummen Fragen der Über-Eltern oder dem Gewirr aus verschiedenen Sprachen. Nein. Ich finde es außergewöhnlich, wie ruhig die Erzieher damit umgehen. Also äußerlich zumindest. Sie beantworten alle Fragen, hören sich alle Instruktionen an und werden dabei nicht ausfallend.

Das könnte ich nicht. Echt nicht. Wahrscheinlich schiebt mich meine Frau deswegen leicht zur Seite und zeigt mir die gemalten Bilder des Großen. Beruhigung durch Ablenkung – funktioniert auch bei mir.

Ehrlich, liebe Erzieherinnen und Erzieher. Ihr habt meine Hochachtung.

Jeder mittelklassige Manager rennt sofort mit Pipi in den Augen zum Chef, wenn er erfährt, dass der Kollege gegenüber mehr verdient oder einen größeren Firmenwagen bekommen hat. Die Boutique-Verkäuferin bekommt Schnappatmung, wenn zwei Kleinkinder mit Eis in den Laden stürmen und junge Eltern klagen über Tinnitus, wenn die Spielkameraden mal wieder zu Gast waren.

Und ihr? Jeden Tag eine Geräuschkulisse wie auf dem Rollfeld am Flughafen. Dabei müsst ihr hochgradig empathisch und aufmerksam sein, jeden Pups der Kleinen protokollieren, Neues vermitteln, trösten, kuscheln und vorlesen. Mehrsprachig. Das alles bei fremden Kindern.

Auch, wenn es viele ruhige Momente gibt, habt ihr trotzdem jeden Tag Geschrei, vollgeschissene Hosen, blutende Schienbeine und wimmernde Heulbojen. Das muss wahnsinnig anstrengend sein. Da kann vielleicht noch eine Klofrau auf dem Kiez mitfühlen. Ich steige da aus.

Das Schlimmste müssten allerdings die Eltern sein. Übervorsichtig, allwissend und arrogant versuchen sie euch einzutrichtern, dass sie ja eh viel besser wissen, was gut für die Kinder sei. Da wird sich schon mal lautstark über zu viel „Freispiel“ beschwert. Ist ja auch echt überschaubar, der Stundenplan von Marie, Paul und Elias. So ganz ohne Englisch, Mandarin, Jonglieren, Musikalische Früherziehung und Kochkurs ist so ein Vormittag richtig langweilig.

Langeweile als Grundlage für Kreativität haben wir Erwachsenen schon längst verlernt. Wir kennen es ja nicht mehr anders. Andauernd muss was passieren. Im Job und in der Freizeit. Deshalb beschäftigen Unternehmen übrigens Agenturen für kreative Ideen. Das kann man nicht mehr selbst.

Aber unsere Kinder können es. Wenn man ihnen den Freiraum lässt, Kreativität zu entwickeln. Also – ein Hoch auf die Langeweile.

Ihr macht was mit Relevanz

Und ein Hoch auf euch, liebe Erzieher! Ihr macht das, wonach viele von uns suchen. Ihr übt einen Beruf aus, der wirklich sinnvoll ist. Bestimmt macht ihr den Job nicht jeden Tag gleich gut und man kann auch mal anderer Meinung sein.

Trotzdem bin ich sehr froh, dass es euch gibt. Man kann euch gar nicht genug bezahlen für eure Leistung.

Das denkt sich die Erzieherin bestimmt auch, die schon wieder von neuen Eltern bedränkt wird. Dieses Mal geht es um die Klo-Gewohnheiten von Emma.

Ich höre schnell weg und schaue mich weiter um. Hier rennen gerade 30 Adrenalin-betankte Kleinkinder in Unterhosen durch die Bude. Sie schreien, toben, jagen sich, heulen, lachen und fallen hin. Es ist heiß. Eine Klimaanlage gibt es (noch) nicht. Wie schön, dass meine Frau und ich heute hier nicht schlafen müssen.

Glück gehabt. Dem Großen wünschen wir noch eine wunderbare Party. Aber der ist schon im Spielen vertieft. Na dann – schnell nach Hause, die gekühlte Weinschorle auf dem Balkon wartet. Obwohl. Ich glaub, ich lege mich erst einmal hin. Habe so ein Pfeifen im Ohr…

Zur Erziehung eines Kindes  braucht man ein ganzes Dorf. (Afrikanisches Sprichwort)

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