Über das Scheitern von Startups

Na das fängt ja gut an. Seit Beginn des Jahres hören wir wieder vermehrt von gescheiterten Startups. In Hamburg musste das Bookingportal TripRebel den schweren Weg zum Amtsgericht antreten, ab Ende Februar stellt das Eventportal HEUTE IN HAMBURG seinen Dienst ein. Beide Startups wurden zuvor medial abgefeiert, tourten von Event zu Event und konnten sich an einer guten medialen Reichweite erfreuen. Auch die Gründer überzeugten durch ein smartes, sympathisches Auftreten. Ich schätze alle sehr.

Echt schade um die Jungs…

So blöd. Man könnte gerade zu in eine depressive Stimmung verfallen – oder zumindest den Oppositionshammer herausholen. Der Wahlkampf ist schließlich ab sofort eröffnet…

Bestimmt liegt deren Scheitern an einer finanziellen Unterdeckung. Siehste – wir brauchen endlich mehr Wagniskapital! So höre ich schon die Vertreterinnen und Vertreter diverser Parteien schreien, die sich nun alle „Digitalization first“ und „Startups braucht das Land“ auf die Stirn kleben. So kann das ja auch nichts mit dem Innovationsstandort Deutschland werden.

OK. Wenn es nicht an der Finanzierung gelegen hat, dann zumindest an den bürokratischen Hindernissen für Gründerinnen und Gründer. Es ist schließlich viel zu kompliziert, sich in Deutschland selbständig zu machen.

Beide Argumente stimmen, wie ich finde. Ja, wir brauchen eine höhere Investitionsbereitschaft für innovatione Startups. Und ja, wir benötigen drigend eine Vereinfachung der bürokratischen Rahmenbedingungen.

Aber ist das der wirkliche Grund des Scheiterns?

Das glaube ich eher nicht. Bei einem einfacheren Zugang zu Wagniskapital und einer bürokratischen Entlasung würden die Hürden für Startups zwar fallen und dies (hoffentlich) zu einer höheren Anzahl von Neugründungen führen. Aber bekommen wir dadurch auch bessere Geschäftskonzepte?

Die Idee von TripRebel finde ich eigentlich sehr smart. Wenn ich in einem Hotel übernachten möchte, registriere ich mich bei dem Dienst, buche mein Hotel und TripRebel hält mich bis zu meiner Anreise auf dem Laufenden, ob sich der Zimmerpreis reduziert oder sich Upgrades ergeben. Diese werden dann automatisch für mich realisiert.

Ganz cool, denn das Startup nutzt Dynamic Pricing-Mechanismen aus, die häufig bei Hotelbuchungen oder im eCommerce (Amazon, etc. ) eingesetzt werden. Ein Problem, für das auch Spottster eine Lösung gefunden hat.

Relevance first!

Aber ist dieser Dienst für mich als Privat- oder Geschäftsreisender wirklich relevant? Werde ich TripRebel auch nutzen, wenn sich bei drei Buchungen keine Preisverbesserung ergeben hat? Oder buche ich gar nicht online, sondern rufe bei dem Hotel direkt an und erfrage individuelle Rabatte? (Tipp: Einfach mal versuchen, funktioniert sehr gut.) Und wie werde ich auf TripRebel überhaupt aufmerksam, schließlich gaukeln mir HRS und Booking.com ja vor, immer den günstigsten Preis zu ermitteln…

Die eigentliche Frage lautet: Ist dies wirklich ein so nützlicher Dienst für mich, dass ich dafür bezahlen würde? Ist TripRebel wirklich relevant für viele viele Nutzer, so dass sich das Modell langfristig tragen kann? Anscheinend nicht.

Mir scheint, als würden sich viele Gründerinnen und Gründer mit digitalen Geschäftsmodellen diese Frage nicht stellen.

Bei HEUTE IN HAMBURG verhält es sich ähnlich. Ein cooles Gründerteam, dass innerhalb kürzester Zeit mit einem simplen Event-Dienst eine große Reichweite erlangt hat. Heute in Hamburg (HIH) zeigt dir in einer schönen App, was heute in Hamburg abgeht. Dabei setzen die Gründer nicht nur auf Mainstream-Events, sondern haben kontinuierlich echte Perlen kuratiert. So lernt man auch als Hamburger neue Events / Shows / Konzerte kennen, die man sonst nicht besucht hätte.

Toll, aber wie oft bin ich in der Situation, dass ich plötzlich nicht weiß, was ich abends machen soll? Auch wenn HIH für die Nutzer kostenfrei ist – würde ich dafür bezahlen? Bei all meinen Aktivitäten ist dies immer meine erste Frage.

Wo bleiben die wirklichen Problemlöser?

Beide Beispiele sind natürlich nur exemplarisch zu sehen. Die Frage der wirklichen Relevanz neuer Produkte und Dienstleistungen stellt sich allerdings immer.

In den letzten vier Jahren habe ich viele Startups kennenlernen dürfen. Oft war ich begeistert von deren Geschäftsideen und bin es noch heute. Die meisten Gründerinnen und Gründer lösen allerdings marginale (Luxus-)Probleme, die zwar einen Zusatznutzen generieren, aber letzendlich zu unbedeutend sind. Das gilt leider für viele Digitalansätze.

Ich würde mich freuen wie Bolle, wenn wir zukünftig auf Startup-Events oder meinetwegen in der Höhle der Löwen echte Problemlöser präsentiert bekommen. Wer findet Lösungen, um die Lebensmittel-Produktion wieder verträglich zu gestalten? Wer entwickelt voll-recyclebare Kaffeekapseln? Wie schafft man es, dass sich jeder neue Hausbauer ein komplett energieautakes Haus leisten kann? Warum besitzt eigentlich jede Wohnung eine eigene Waschmaschine? Wie bekommen wir es hin, dass alle Bundesbürger 2017 wählen gehen?

Fragen über Fragen, auf die ich auch keine Antwort habe. Sich damit zu beschäftigen finde ich jedoch sinnvoller, als die nächste Preissuchmaschine für unnötige Luxusartikel zu entwickeln. Oder liege ich mit dieser Einschätzung falsch – was meint ihr?

8 Antworten auf „Über das Scheitern von Startups“

  1. Lieber Sebastian,

    geb‘ dir definitiv recht – relevance first. Jede Idee vermag ihre Daseinsberechtigung haben, aber ich freue mich jedes Mal wie Bolle wenn reale Probleme angegangen werden, auch wenn man überall von schnell-skalierbaren Geschäftsmodellen überschüttet wird. Vielleicht liegt es an der Region hier bei uns, an der Universität Oldenburg, dass wir verhältnismäßig viele „bodenständige“ Gründungsideen haben (was es mir als Beraterin, auf der Suche nach Finanzierung, oftmals schwer macht). Dennoch gefällt mir die Herausforderung 😉 die nächste biologische Beschichtung für Saatgut zu begleiten, um den Pestizideeinsatz zu reduzieren oder ein behindertengerechten Spiel- und Lernsysystem für Rollikinder, zu begleiten, um dem Thema Inklusion gescheit zu begegnen oder oder oder 🙂

    In diesem Sinne, wünsche ich uns weiterhin eine ideenreiche Umgebung!

  2. Danke Sebastian.

    Du redest mir von der Seele. Wir haben zu viele Gründer mit „guten Ideen“, aber mit irrelevanten Problemen. Ich schiebe das immer gerne auf uns Deutsche, wo wir dazu ausgebildet werden, in Lösungen zu denken, aber es nicht lernen Probleme zu verstehen.

    Schau doch mal das Thema Social Entrepreneurship an, falls Du es nicht sowieso schon kennst. Dort kommt meist das Problem zuerst. Nicht, dass dort alles Gold ist, was glänzt, aber zumindest sehr spannend. In Hamburg gibt es viel Angebot dazu, zum Beispiel das Social Impact Lab.

    Grüße aus Mainz,
    Micha

    1. Hallo Micha,
      danke dir für den Hinweis. Das Social Impact Lab in Hamburg kenne ich – die mache eine sehr gute Arbeit und unterstützen interessante Konzepte! Zum Thema Social Entrepreneurship bereite ich gerade was vor. Würde mich also freuen, wenn du am Ball bleibst…

      Viele Grüße
      Sebastian

  3. Vom Einfall zur Idee ist es schon immer ein weiter Weg gewesen. Jetzt kommt allerdings hinzu, dass wir den Anspruch haben sollten, unsere Ideen und die unternehmerische Umsetzung so zu gestalten, dass die Welt dadurch ein wenig besser wird. Das ist dringend notwendig – und leichter denn je möglich. Schließlich leben wir im Zeitalter der Transparenz. Nahezu alle Informationen liegen auf dem Tisch. Sie zu funktionierenden Lösungen zusammen zu setzen, ist eine ehrenvolle Aufgabe. Das Risiko des Scheiterns ist dabei stets enthalten. Umso wichtiger ist es, einfach loszulegen. Wenn das Ziel klar ist, wird sich ein Weg finden.

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