Warum Deutschland kein Gründerland ist

Diese Woche habe ich ein Interview mit Frank Thelen auf wired.de gelesen, in dem er die Digitalisierung in Deutschland kritisiert. In seiner direkten Art prangert er fehlendes Wissen der Führungskräfte und eine fehlende Innovationskultur in deutschen Unternehmen an. Insbesondere die Schlüsselbranchen Automobilindustrie, Zulieferindustrie und Banken seien betroffen. Rein zufällig hat er in Startups investiert, die in allen drei genannten Branchen innovative Lösungen anbieten. Geschickt – dennoch gebe ich ihm uneingeschränkt Recht. Nur hätte dieses Interview nicht in einem Technologiemagazin, sondern im Newsletter des Arbeitgeberverbandes erscheinen sollen.

Ist es wirklich so schlimm?

Ja, ist es. Dabei bin ich persönlich gar kein Fan kompromissloser Digitalisierung aller Geschäfts- und Lebensbereiche. Ganz und gar nicht. Aber wir können die Spielregeln nicht alleine bestimmen, sie werden global festgelegt – auch teilweise unabhängig von Regierungen. Für Viele ist das noch Zukunftsmusik, doch Fakt ist: durch die Digitalisierung werden ganze Branchen zerstört. Das hört man zwar immer wieder in den Nachrichten, aber so richtig in Berührung kommt man als „Zuschauer“ damit noch nicht. Oder doch?

Nehmen wir mal den Maschinenbau als Vorzeige-Branche Deutschlands. Hier spielen wir noch die Trumpfkarte guter alter Ingenieurskunst made in Germany aus. Hier sind wir innovativ, hier sind wir führend in der Welt! Wirklich? Gilt das für den Großteil der (hauptsächlich mittelständischen) Maschinenbauer oder nur für vereinzelt große Anbieter wie Siemens, KUKA oder Trumpf? Falls ja, sprechen wir bei diesen Beispielen über multinationale Konzerne, die ihre Innovationskraft und den Unternehmenserfolg längst nicht mehr ausschließlich dem Standort Deutschland zu verdanken haben.

Gerade für den Mittelstand sehe ich persönlich schwarz, jedenfalls bei der derzeitigen Innovationsgeschwindigkeit. Unter Innovationen verstehe ich in diesem Zusammenhang keine inkrementellen Produktverbesserungen. Wer braucht schon wirklich eine App für seine Zahnbürste? Ich spreche von echten, disruptiven Neuerungen, die ganze Branchen durchrütteln. Derzeit diskutiert man in Industrie- und Handelsunternehmen lieber mehrere Jahre über die Einführung eines neuen ERP-Systems, während zur selben Zeit die 3D-Lasertechnologie perfektioniert wird.

Wir sind Optimierer, keine Spielmacher

Wie gesagt, neigen wir in Deutschland dazu, uns mehr mit kleinteiligen Verbesserungen und Prozessoptimierungen innerhalb von Organisationen zu beschäftigen, anstatt in komplett neuen Geschäftsmodellen zu denken. Folgerichtig gibt es viel zu wenige Neugründungen, die mit disruptiven Technologien und Geschäftsmodellen im internationalen Wettbewerb mithalten können. Es gibt insgesamt ja auch viel zu wenig Gründer/-innen, das braucht sich auch niemand schön reden.

Eigentlich kann man uns das auch gar nicht übel nehmen, denn wir werden schließlich schon in der Schule zum Optimieren und Verwalten erzogen. Mein Ziel war es jedenfalls, mit möglichst wenig Aufwand genügend Wissen zu speichern, um eine gute Note zu schreiben. Das meiste habe ich danach leider wieder vergessen. In der Schule ging es nicht um meine eigentlichen Interessen, denn dafür sind schließlich Hobbys da.

Während meiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann wurde mir dann beigebracht, wie ich für meinen Arbeitgeber mit gegebenen Rahmenbedingungen optimal ein- und wieder verkaufe. Experimente wurden dort nicht gemacht. Vielmehr lag der Fokus lediglich auf einem Ergebnisplus von X Prozent pro Jahr. Alles andere wurde ausgeblendet.

Später im Studium hat man mich auf die kommende Karriere als Manager in einem großen Unternehmen vorbereitet. Das war auch so lange mein Wunsch, bis ich dann in einem Konzern gearbeitet habe. Das war eine sehr schöne und lehrreiche Zeit, die mit Selbstentfaltung aber weniger zu tun hatte.

Keine Lehrerin, kein Chef, kein Freund und kein Familienmitglied hat mir jemals gesagt, wie unendlich erfüllend, lehrreich und befriedigend es sein kann, bestehende Konventionen aufzulösen und einfach mal was komplett Neues zu wagen. Wie sollten sie auch? Schließlich hatte ich in meinem Umfeld keine Unternehmer, die so etwas schon einmal gemacht hatten.

Stattdessen wurde mir beigebracht, wie wichtig Pünktlichkeit, Fleiß, Durchhaltevermögen und Ehrlichkeit sind. Um mich nicht falsch zu verstehen – ich liebe meine Familie und bin sehr dankbar, dass sie mir diese Werte vermittelt haben. Ich denke nur, dass die verwaltende Grundhaltung in viel zu vielen Köpfen verankert ist. Wir wagen zu wenig und blicken zu wenig über den Tellerrand hinaus.

Es gibt zu wenige Vordenker und Vormacher

Hinzu kommt eine ziemlich arrogante Haltung. Wir Deutschen sind die besseren Ingenieure, sind genauer, haben die besseren Produkte und können eigentlich alles besser. Das ist global betrachtet natürlich Mumpitz und hat mit der (Digitalisierungs-)Realität wenig zu tun. Während wir uns mit einem Flughafen in Berlin oder einem Bahnhof in Stuttgart beschäftigen, werden in anderen Ländern völlig neue Mobilitätskonzepte (Hyperloop, Lilium Aviation, Selbstfahrende Autos, …) erprobt.

Über kurz oder lang besteht die Gefahr, wichtige Technologien und Geschäftskonzepte einkaufen zu müssen und sich so nach und nach in langfristige Abhängigkeit zu begeben. Google, Facebook, Amazon und Alibaba sind nur ein paar Beispiele von Konzernen, die immer mächtiger werden und eigene Spielregeln aufstellen.

Es wäre doch toll, wenn aus Deutschland die nächste Mobility-Technologie oder Lebensmittel-Revolution kommen würde. Oder wenn wir das erste Land sind, dass bei Lebensmitteln komplett auf Plastik verzichtet –  oder das bedingungslose Grundeinkommen einführt, um langfristig wieder eine kreativere Gesellschaft zu werden. Schließlich waren wir ja mal das Land der Dichter und Denker.

Ja, ich weiß. Das sind natürlich nur Hirngespinste und lässt sich niemals umsetzen. So, wie das Elektroauto.

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